Berichte aus der Mediation

Wir möchten über unsere Arbeit in der Mediation berichten. Der erste Erfahrungsbericht konzentriert sich auf die Veränderungen, die durch die Corona-Pandemie bedingt sind und die deutlich machen, mit welchen Schwierigkeiten wir seitdem zu kämpfen haben. Der zweite Bericht beschreibt an einigen Beispielen unsere Tätigkeit aus der Zeit vor der Pandemie.

Erster Erfahrungsbericht

(verantwortlich für den Inhalt: Peter Kettner, Jochen Bechheim, Lorita Peetz)

Unsere Schule in Marburg ist eine Gesamtschule mit ca. 650 SchülerInnen der Jahrgänge 5-10, die Hälfte mit Migrationshintergrund, vorwiegend türkisch, russisch und arabisch.

Wir sind zwei SiS-Teams aus je einer Mediatorin und einem Mediator, seit ca. 6 Jahren an dieser Schule, bis März 2019 regelmäßig an zwei Tagen vormittags. Wir hatten im Vergleich zu anderen Schulteams in unserer Region gut zu tun, zunehmend mit Empathischen Einzelgesprächen. Die täglich anwesenden Sozialpädagogen und Sozialarbeiter bearbeiteten viele Streit- und Mobbingfälle direkt.

Inzwischen sind wir dreimal geimpft und sehr froh, nach eineinhalb Jahren Coronazwangspause zu Dritt (unser viertes Teammitglied musste krankheitsbedingt aufhören) wieder an unserer Schule (einer von uns hat zweimal wöchentlich Einsatz) arbeiten zu können und stellen fest, dass Corona einiges in der Schule, mit den Kindern und mit uns verändert hat:

  • Alle Personen in der Schule tragen Mund-Nasen-Masken. Sie sind folglich nicht so leicht zu erkennen. Spontan-direkte Ansprachen von uns sind jetzt seltener.
  • Wir halten uns von Menschenansammlungen fern und suchen auf direktem Weg - möglichst außerhalb der Pausen - zügig unseren Besprechungsraum auf.
  • In den kleinen Pausen bleiben wir im Raum und gehen nicht mehr über die Flure wie früher, auch nicht in die Schulmensa und die Aula. Die großen Pausen verbringen wir auf dem Schulhof – sofern die Witterung dies zulässt.
  • Wir vermeiden größere Gruppengespräche und sprechen mit höchstens drei Kindern.
  • Die Tendenz zur Führung Empathischer Einzelgespräche setzt sich weiter fort. Wir haben den Eindruck, dass die Kinder jetzt stärker emotional belastet sind.
  • Wir sitzen dick angezogen in einem großen Kreis und halten mindestens 1,5 m Abstand. Die körperliche Distanz erschwert soziale Nähe.
  • Alle 15 Minuten muss das Fenster geöffnet werden – nicht immer eine Unterbrechung zur rechten Zeit.
  • Nicht wenige Kinder an unserer Schule haben mit der deutschen Sprache noch Schwierigkeiten; sie sind schwer zu verstehen, dazu kommt noch die Maske, die getragen werden muss. Ein Ablesen von den Lippen ist nicht möglich. Vermehrtes Nachfragen nach dem Gesagten unterbricht den flüssigen Gesprächsverlauf und nervt gleichwohl Kinder wie uns. Wir müssen uns sehr konzentrieren; die Leichtigkeit der Gesprächsführung geht ein stückweit verloren.
  • Wir müssen uns erst daran gewöhnen, besser: uns schulen, Gefühlsregungen aus der Körpersprache, der Stimme und dem freien Gesichtsfeld abzulesen. Dies beeinträchtigt unsere Gesprächsführung zusätzlich. So wird z.B. Trauer oft erst sichtbar, wenn Tränen fließen.
  • Durch die Masken können die Kinder unser aufmunterndes Lächeln während wir ihnen zuhören nur indirekt in unseren Augen ablesen.

Fazit: Sowohl für die Kinder als auch für uns SiS-SchulmediatorInnen stellen die geltenden Coronaschutzbedingungen eine außergewöhnliche Herausforderung dar.

Zweiter Erfahrungsbericht

(verantwortlich für den Inhalt:  Dr.  Heinz-Dieter Basler)

Wir sind zu fünft an einer Gesamtschule im Landkreis Marburg-Biedenkopf tätig, in der nach Aussagen der Schulleitung Kinder aus über 40 Nationen beschult werden. Obwohl diese kulturelle Vielfalt den Hintergrund unserer Arbeit bildet, stehen solche Streitigkeiten zwischen den Kindern im Vordergrund, die an jeder Schule vorkommen können. Es geht häufig um Beziehungen untereinander, um den Platz in der zu erkämpfenden Rangordnung und um das Gefühl, geachtet zu werden. Wir möchten einige Beispiele aus unserer Arbeit vor Beginn der Corona-Pandemie schildern. Alle Eigennamen wurden durch andere ersetzt.

Mediation 1

Vor der Tür unseres Mediationsraumes drängten sich acht Mädchen, von denen zwei als Sprecherinnen bestimmt wurden, nämlich Eileen und Jytte. Die anderen bildeten hinter ihnen einen Halbkreis. Sie zeichneten das Bild eines eskalierenden Streites in der Pause auf dem Schulhof, in das immer mehr jeweilige Freundinnen hineingezogen wurden. Nach gegenseitigen Beschimpfungen und Beleidigungen aller Beteiligten hatten sich schließlich Eileen und Jytte in die Haare der jeweils anderen verkeilt und heftig und schmerzhaft daran gezogen. Von der herbeieilenden Aufsicht wurden sie getrennt und zu uns geschickt.

Es wurde schließlich deutlich, dass zu Beginn der Auseinandersetzung nicht Jytte, sondern Ayla die Kontrahentin von Eileen gewesen war. Eileen und Ayla sind nämlich beide in Jo verliebt. Ayla hatte am Vortag das Bild eines Paares Schuhe an Eileen gepostet, die darin die Schuhe von Jo erkannte. Sie interpretierte das so, dass Ayla dadurch einen Besitzanspruch auf Jo deutlich machen wollte und stellte sie am nächsten Tag deswegen zur Rede. Danach gingen beide aufeinander los.

Als deutlich wurde, dass es um Jo ging, rannten drei der zuschauenden Mädchen ohne Ankündigung aus dem Zimmer und kamen kurze Zeit später mit Jo wieder, der sich nun ebenfalls dazu setzte und zu ausführlichen Erklärungen des Sachverhalts ansetzen wollte. Wir baten ihn allerdings zu schweigen und schickten nun alle Kinder hinaus, so dass nur Eileen und Ayla zurückblieben.

Wir forderten die Beiden auf, ihre jeweils der anderen gegenüber abgewandte Körperhaltung zu verlassen und sich gegenseitig anzusehen. Nun erklärte Ayla ausführlich, dass sie gar nicht wusste, dass Jo diese Schuhe besäße. Sie hätte sie nur deswegen geschickt, weil sie so schön seien. Sie hätte dann ja auch noch andere Schuhe gepostet. Eileen hörte aufmerksam zu, ging aber gar nicht auf das Thema Schuhe ein, sondern betonte ausdrücklich, dass sie Jo liebe und er nicht Ayla gehöre.

Es ergab sich eine unerwartete Wendung. Ayla erklärte, sie hätte sich nun überlegt, dass sie Jo doch nicht mehr liebe und dass Eileen ihn haben könne. Außerdem wolle sie sich dafür entschuldigen, dass sie so beleidigend gewesen sei. Sie streckte Eileen die Hand hin, die auch von dieser ergriffen wurde. Danach standen beide auf und umarmten sich.

Sie wollten ohne Abschied hinausstürmen, wir aber hielten sie zurück und fragten, wie das nun mit dem Streit unter den anderen weiter gehen solle. Sie meinten, sie würden das den anderen erklären und verschwanden.

Mediation 2:

Nach Anmeldung durch die Lehrerin erschienen 14 Tage später Eileen und Jo erneut, die beide versicherten, freiwillig zu kommen.

Der Anlass dafür, dass beide zu uns geschickt wurden, war, dass sie sich während des Unterrichts lautstark beschimpften und beleidigten. Eileen berichtet, dass Jo sie ausgelacht habe, als sie etwas nicht wusste. Sie habe ihn daraufhin einen Blödmann genannt, was zu einer Eskalation der Beschimpfungen geführt hatte.

Im Gespräch wurde deutlich, dass sie zwar beide befreundet waren, Jo aber anderen Mädchen zuviel Aufmerksamkeit schenkte, was bei Eileen zu Eifersucht geführt hatte. Sie reagierte, indem sie sich ebenfalls anderen Jungen zuwandte und damit die Eifersucht von Jo anfachte.

Jo verlangt jetzt von Eileen, dass sie keinen Körperkontakt mit anderen Jungen hat, was für sie schwierig sei, da sie sowohl tanzt als auch Fußball spielt und dabei Berührungen kaum zu vermeiden sind. Sie hat sich auch schon bei Jo dafür entschuldigt; Jo aber akzeptiert die Entschuldigung nicht und besteht auf seiner Meinung, Eileen müsse jeden Kontakt mit anderen Jungen vermeiden.

Beide verhalten sich zunächst im Gespräch recht albern. Als sie aber merken, dass wir ihr Problem ernst nehmen, werden sie auch zunehmend ernsthaft. Eileen wirkt zerknirscht, auch traurig. Jo, der das offenbar wahrnimmt, scheint sich überlegen zu fühlen und wiederholt seine Forderungen. Er wirkt, als hätte er es darauf abgesehen, Eileen zu bestrafen und von ihr als überlegen akzeptiert zu werden.

Wir fordern Beide auf, deutlich zu sagen, was sie sich voneinander wünschen. Eileen macht deutlich, sie wolle von Jo mit den aufgrund ihres Sports nicht vermeidbaren Kontakten mit Jungen akzeptiert werden. Jo besteht darauf, sie solle solchen Kontakt vermeiden.

Wir ermuntern beide, sich nicht gegenseitig zu ärgern und zu beschimpfen, sondern miteinander zu reden und auszuloten, ob sie sich gegenseitig vertrauen können.

Sie wirken nach dem Gespräch locker, albern nicht mehr, loben uns sogar dafür, dass wir sie angehört haben. Sie werden herausfinden müssen, wie ihre Beziehung in Zukunft gestaltet werden soll.

(Anmerkung: Vier Wochen später berichtet Eileen während eines kurzen Kontaktes auf dem Schulhof, sie habe nun doch Ayla gesagt, sie könne Jo wieder haben. Ayla hat aber inzwischen einen anderen Freund.)

Mediation 3:

Amir (m) beschwert sich darüber, dass Baran (w), die neben ihm sitzt, ihn im Unterricht stört, indem sie sich mit einer Freundin unterhält, die weiter vorne sitzt. Baran verteidigt sich, indem sie sagt, dass Amir sich sogar auf Türkisch im Unterricht mit Freunden unterhält, obwohl es im Unterricht verboten ist, andere Sprachen als deutsch zu sprechen. Sie hat den Eindruck, dass Amir über sie auf Türkisch beleidigende Dinge sagt, weil er dabei auf sie zeigt und die anderen türkischen Kinder dann über sie lachen. Sie selbst kommt aus dem Iran, hält sich aber daran deutsch zu sprechen.

Amir sieht überhaupt nicht ein, im Unterricht nur deutsch sprechen zu sollen. Er argumentiert, dass in seiner Klasse 40 % türkisch stämmige Schüler und 20 % arabisch Stämmige seien, dann noch einige aus Russland, aber nur zwei deutsche Schüler. Deshalb habe er das Recht, türkisch zu sprechen.

Amir möchte, dass Baran nicht mehr mit der Freundin spricht, Baran möchte, dass Amir deutsch spricht, damit er sich nicht mehr über sie lustig machen kann.

Auf mögliche Lösungen fokussiert, schlägt Baran vor, ihren Sitzplatz zu wechseln, um näher an die ebenfalls iranische Freundin zu kommen. Amir lehnt es allerdings ab, deutsch zu sprechen, da die Türken ja in der Mehrheit seien.

Da keine Einigung zu erzielen ist, will Baran darüber mit der Lehrerin sprechen.

Mediation 4:

Vier Kinder sind durch eine Lehrerin geschickt worden, geben aber an, freiwillig anwesend zu sein.

Karam und Dinyar fühlen sich durch Dilara und Gülay beleidigt, weil diese zu ihnen gesagt haben, sie sollten als Kurden doch in ihr Land zurückgehen, aber sie hätten ja überhaupt kein Land, in das sie gehen könnten. Dabei lachten sie immer. Außerdem werde Karam von Dilara immer "Karamel" genannt. Dilara und Gülay fühlen sich beleidigt, weil die beiden Anderen Dilara wegen ihres Übergewichts hänseln und von Gülay immer als der Hündin reden.

Alle vier haben äußerste Probleme, wegen ihrer Erregung über diese Vorfälle die Gesprächsregeln einzuhalten und müssen wegen unentwegter gegenseitiger Beschimpfungen mehrfach ermahnt werden.

Dilara erläutert, Karam sei ja nur deshalb sauer, weil sie sich von seinem Freund getrennt hätte. Karam und Dinyar empören sich darüber, dass Dilara und Gülay ständig über sie lachen, was von den Beiden aber zurückgewiesen wird. Sie lachen, wie sie sagen, nicht über die Beiden, sondern deshalb, weil sie lachen müssten.

Wir setzen den gegenseitigen Vorwürfen energisch ein Ende und fragen, ob sie mit ihrem gegenwärtigen Verhalten zufrieden seien oder daran etwas ändern wollten. Alle vier geben an, sie wollten ja nur, dass sich das Verhalten der anderen ändert, können aber offensichtlich nicht einsehen, dass die ständige Reaktion auf das Verhalten der anderen den Streit immer wieder eskalieren lässt. Gülay äußert sogar, sie müsse die anderen beleidigen; das könne sie nicht kontrollieren. Sie fühle sich so wütend. Auch Daram und Dinyar bestätigen, sie seien im Moment sehr wütend.

Wir fordern die Vier auf zu sagen, was sie in dieser Situation brauchen, um sich besser zu fühlen. Karam und Dinyar machen deutlich, dass sie nicht wegen ihrer Herkunft beleidigt werden möchten. Dilara und Gülay besäßen ja ein Land und es sei für sie schlimm, dass die Kurden kein Land hätten. Gülay sagt, sie wolle nicht als Hund beleidigt werden. Tilara hingegen äußert sich auch auf Nachfragen nicht.

Wir beenden die Sitzung, indem wir sagen, sie wüssten ja nun, was für die Anderen und für sie selber wichtig sei, um sich besser zu fühlen und fordern sie auf, darüber nachzudenken, ob sie den Wunsch der Anderen erfüllen können. In dieser Sitzung hat es keine Lösung gegeben.