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      Mediation — Gewaltprävention
durch
bürgerschaftliches Engagement von Jungen Alten in der Schule




Eine Erfahrung von Ute Illner (Foto) aus Berlin (03.10.2006):

 

„4 Jungen und ein Mädchen wurden von ihrer Klassenlehrerin zu uns geschickt, da sie sich noch zu Beginn der Stunde gekloppt hatten und kaum zu beruhigen waren.

Wir baten die Kinder, nacheinander den Grund ihrer tätlichen Auseinandersetzung zu schildern, jeden ausreden zu lassen und bei der Schilderung keine beleidigende Sprache zu verwenden. Wie Annika erzählte, geriet sie immer wieder mit ihren Klassenkameraden aneinander, da sie sie nicht mitspielen ließen.

Die Jungen bestätigten die Aussage mit den zusätzlichen Bemerkungen,

  • dass sie nicht nur ein Mädchen in ihrer Mannschaft haben wollten,
  • dass Annika größer sei als sie,
  • dass Annika schon des öfteren den Ball an sich genommen habe und ihn versteckte oder mit anderen Mädchen damit spielte,
  • und dass sie rasch zuhauen würde, wenn ihr das Mitspielen verweigert würde.

 

Wir baten Annika, zu dem Gesagten Stellung zu nehmen. Sie antwortete,

  • dass sie gerne Fußball spiele und keinen Grund sähe, warum sie nicht mitspielen könne,
  • ihre Größe nicht so erheblich gegenüber den Jungen sei, dass das ein Nachteil sei und sogar von Vorteil, wenn sie als Torwart eingesetzt würde
  • und dass sie über ihre Klassenkameraden oftmals so wütend und verletzt sei, dass sie den Ball wirklich schon ab und zu versteckt habe.
  •  

    Zu Kloppereien würde es auch ab und zu kommen.

     

    Nachdem wir die Fakten den Beteiligten aus unserem Verständnis nochmals vorgetragen hatten und nachfragten, ob wir alles richtig verstanden hätten und noch Ergänzungen vorgetragen werden wollten – was nicht der Fall war -, fragten wir die Jungen nacheinander, wie sie sich in Annikas Situation fühlen würden. Sie sagten einhellig, dass sie ungern in der Position des Außenseiters wären und daher Annikas Wut verstehen könnten. Sie könne eigentlich ganz gut Fußball spielen, müsste aber verstehen, dass nicht nur sie vier zu entscheiden hätten, wer mitspielt und die Pause einfach zu kurz sei, um lange zu diskutieren, wer mitmacht. Gerade deswegen seien wir ja zusammen gekommen, meinten wir und baten alle, Lösungsvorschläge zu machen.

     

    Es wurden genannt:

    • Verzicht Annikas beim Mitspielen, oder dass sie ab und zu am Spiel teilnehmen könne,
    • dass sie sich eine Mädchenmannschaft sucht,
    • dass Annika vor allem aufhört, die Jungen tätlich anzugreifen, wenn sie sich gegen ihr Mitspielen entscheiden.

     

    Annika lehnte die ersten drei Vorschläge ab, gab sogar den Hinweis, dass auch andere Mädchen der Klasse gut spielen und gerne mitspielen würden. Beim letzten Punkt räumte sie ein, dass es unklug ist, bei Meinungsverschiedenheiten auf den Gegner loszugehen und zu schlagen. Sie wolle versuchen, besonnener zu handeln.

     

    Wir baten beide Parteien noch einmal, Lösungsvorschläge zu machen. Ein Junge machte den Vorschlag, den Klassenkameraden, die am Fußballspiel beteiligt sind, Spiele mit den Mädchen vorzuschlagen und auszuprobieren, ob das nicht sogar für sie von Vorteil ist. Die Mannschaften könnten ja so ausgewählt werden, dass eine/r, der nicht sieht, auf wen gezeigt wird, sagt, ob er in Mannschaft A oder B spielen soll.

     

    Dieses Angebot fanden alle 5 akzeptabel. Es wurde vereinbart, dass von allen Beteiligten versucht würde, keine tätlichen Auseinandersetzungen über das Fußballspielen auszutragen.

     

    Wir verabredeten uns für die kommende Woche zu einem neuen Termin, um über die Umsetzung oder das Scheitern des Vorschlags etwas zu erfahren. Unsere Nachfrage ergab, dass sich eine größere gemischte (Mädchen- und Jungen) Gruppe gefunden hatte. Eine kleinere Jungengruppe dagegen spielte ohne Mädchen.”

     

     

     

     


    Eine Erfahrung von Gerhard Bähr aus Greifswald (26.05.2006):

     

    „Als 70jähriger Senior verbringe ich Mittwochs und Donnerstags zwischen 9 und 14 Uhr an einer Greifswalder Schule mit etwa 350 SchülerInnen meine Tätigkeit als Schulmediator. Anfang März hat die Schuldirektorin mit „Seniorpartner in School“, kurz SiS, einen Vertrag geschlossen, der es mir erst einmal ermöglichte, in der Schule mit Kindern auf der freiwilligen Basis zu arbeiten, obwohl SiS eigentlich nur ausgebildete Tandemteams an Schulen tätig werden läßt.

    Den Kindern und dem Lehrkörper wurde ich vorgestellt und von der Schulleitung ebenso von den älteren Lehrerinnen begeistert begrüßt. „Dieser Mann ist für Gewaltfreiheit” und “er ist zur Schweigen verpflichtet, er erzählt niemanden von Gesprächen die ihr mit ihm habt … auch nicht den Lehrern …“

    Anfangs sind die Kinder auf Abstand geblieben, inzwischen aber sind in den Pausen schon viele bereit ihre Konflikte besprechen zu wollen. Von vier Kindern kenne ich jetzt bereits die Familiengeschichte. Kindern wird selten gut zugehört und noch seltener beraten sie konstruktiv untereinander. Beides erleben sie bei mir. Ab den Sommerferien sind wir Ganztagsschule, dann erweitere ich meinen Dienst, der übrigens ehrenamtlich und unentgeltlich geleistet wird, auf 16 Uhr.

    Der Anfang ist vielversprechend; es ist einfach toll, wenn um 9.30 das Pausenzeichen ertönt und zu mir mediierte Kinder laufen, nur um mir zu sagen: Kloppen wäre jetzt uncool.”„



    Letzte Änderung: 05.09.10  |  Besucher (seit 01.10.2006):   03749  |  Online: 00001  |  Impressum